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Psalmen Heute


Schwester Maria Benedikta Ströle OSB (1918 - 2005)

Viele Menschen kannten unsere Schwester Maria Benedikta von ihren Vortragsreisen und ihren Kursen in unserem Gästehaus. Ihre fundierten Einführungen in die Psalmen haben vielen geholfen, einen Zugang zum
Psalmengebet zu finden.
Unter dem Titel "Psalmen heute" hat sie die Psalmen als Gebet in einen aktuellen Kontext gestellt. Immer wieder wird in Kellenried nach diesen Texten gefragt. Nachdem an dieser Stelle über einige Jahre wechselnd ein Psalm aus dieser Sammlung zu lesen war, wird die Reihe hier nun beendet.
Es ist geplant, hier ein Archiv mit den "Psalmen heute" zum Download einzurichten; auch eine gedruckte Ausgabe wird vorbereitet.

Nach Psalm 23

Das schwarze Schaf blökt ...

Erlaube mir, guter Hirte,
dass ich die zweite Stimme blöke
zum Lied derer,
die sagen: "Mir wird nichts fehlen."

Ich finde das egoistisch! -
Und die anderen, denen das Nötigste fehlt,
nachgewiesenermaßen ein Leben lang?

Ich sage es ehrlich: Mir geht das zu Herzen.
Wie kann ich sagen "Mir fehlt nichts",
solange als Teilhaber am Glück
mir der Bruder, die Schwester fehlt,
jene, denen ein Stück meines Herzens gehört?

Lieber bete ich mit ihnen: "Mir fehlt alles!"
Mir fehlt das Glück, der Mut, die Hoffnung.
Ich werde ins Unglück getrieben
von deinen und meinen Feinden.
In finsterer Nacht muss ich mich vorwärtstasten.
Wenn ich entdeckt werde,
prügelt man mich zu Tod.
Niemand verbindet meine wunden Füße;
alles in mir schreit nach Leben -
so geht es nicht mehr lang weiter!

Verstehst du, Hirt frommer Schäflein,
dass mir nicht wohl ist auf grüner Weide
unter deinem sanften Stab?

Jesus, ich glaube, du hast selbst genug
von deinem Klischee: Hirtenidyll
auf lieblicher Weide,
von munteren Lämmern umhüpft,
mit einem Schäfchen auf dem Arm.

Ich sah ein anderes Bild:

Mit dem Kreuzesstab
trittst du heraus, ganz allein,
aus dem dunklen Schatten
des Todestales.
Da stehst du im Licht von oben
an einer Quelle, wo um den Stamm
eines grünenden Baumes die Schlange sich ringelt,
nach der deine Hand
sich wie begütigend ausstreckt:
Beruhige dich, Schlange - du hast verloren!
Du kannst mir nun nichts mehr tun,
kannst keinem mehr schaden, der
mit mir das Todestal durchschritten hat.

Komm, Herr Jesus Christus,
lass deine neunundneunzig
seligen Schäflein
und geh mit mir durch das Todestal -
bis wir hindurch sind.
Dann bete auch ich
mit all deinen schwarzen Schafen:
Der Herr ist mein Hirte.
Dein Stab gibt mir Zuversicht. Amen.

Sr. Maria Benedikta Ströle OSB